Ein einzelner Holzstuhl auf einer verlassenen Theaterbühne im Dunkeln. Ein schwacher Lichtschein von unten – kein Versprechen, nur Anwesenheit.

Next to Normal – oder: Wenn ein Stück mehr schadet als nützt

Folgender offener Brief wurde am 30.03.2026 an das Staatstheater Oldenburg gesendet.

Am 29. März 2026 saß ich im Staatstheater Oldenburg und sah Next to Normal. Ich ging mit Neugier und einer gewissen Offenheit – und ich verließ das Theater wütend.

Das schreibe ich nicht leichtfertig. Seit über zwanzig Jahren lebe ich mit psychischen Erkrankungen – darunter Depression und PTBS. Ich weiß, was es bedeutet, wenn psychische Erkrankungen auf einer Bühne verhandelt werden. Ich weiß auch, was es bedeutet, wenn das gut gemacht wird – und wenn nicht.

Next to Normal ist nicht gut gemacht.

Das Stück versucht, auf engstem Raum eine bipolare Störung, eine Depression, eine PTBS, eine Medikamentenabhängigkeit, Wahnvorstellungen, Trauer, Verlust und familiäre Zerrüttung unterzubringen. Das Ergebnis ist keine Tiefe – es ist Überladung. Die Figuren werden zu Trägern von Diagnosen, nicht zu Menschen. Und wo keine Menschen sind, kann kein echtes Verständnis entstehen.

Was mich besonders beschäftigt: Das Stück zeigt eine Psychiatrie, die in Deutschland so nicht existiert. Es zeigt einen Umgang mit psychischen Erkrankungen, der kulturell amerikanisch geprägt ist – und das ohne jeden Hinweis, ohne Einordnung, ohne Reflexion. Das Publikum nimmt mit, was es sieht. Und was es sieht, ist unvollständig, stellenweise irreführend und von einer Pseudotiefe durchzogen, die sich nach Wahrhaftigkeit anfühlt, es aber nicht ist.

Ich hörte beim Rausgehen eine Zuschauerin sagen: „Siehst du, wie wichtig die kleinen Dinge im Leben sind?“ Ich habe lange überlegt, wo sie das in diesem Stück gesehen haben könnte. Ich habe keine Antwort gefunden. Aber ich habe verstanden, was passiert ist: Das Stück war unscharf genug, dass jeder seine eigene Botschaft hineinlesen konnte. Das ist keine Stärke. Das ist ein Versagen.

Das Stück verlässt sich auf Bilder und Sätze, die seit Jahrzehnten zirkulieren – die Spieluhr als Symbol für Trauer und Verlust, das Licht am Ende der Dunkelheit, die gekitteten Scherben. Diese Bilder sind nicht falsch. Aber sie sind leer geworden. Betroffene kennen sie. Wir haben sie hundertfach gehört. Sie erreichen uns nicht mehr – weil sie nie wirklich bei uns waren. Sie sind für die gedacht, die von außen schauen und sich beruhigen wollen.

Was Betroffene brauchen, ist kein Versprechen von Licht. Es ist Anwesenheit. Es ist: Ich bin da. Kein Druck. Keine Lösung. Einfach da.

Das wäre mutig gewesen.

Ein Theater hat einen Bildungsauftrag. Gerade wenn es Themen wie psychische Erkrankungen auf die Bühne bringt, trägt es Verantwortung – gegenüber dem Publikum, gegenüber der Gesellschaft, und gegenüber den Menschen, deren Realität dort verhandelt wird. Next to Normal hat diese Verantwortung nicht wahrgenommen. Das betrifft die dramaturgische Konzeption von Anna Neudert ebenso wie die Inszenierung von Konstanze Kappenstein.

Ich möchte das Staatstheater Oldenburg deshalb zu dreierlei einladen, auffordern und befragen:

Erstens: Sucht das Gespräch mit Betroffenen – nicht als PR-Maßnahme, sondern als echten Austausch. Wir sind keine Randgruppe. Wir sind ein Teil Ihres Publikums.

Zweitens: Nehmt bei Stoffen, die psychische Erkrankungen zum Thema haben, mehr Sorgfalt in die Auswahl und in die Kontextualisierung. Ein Preis aus dem Jahr 2010 ist kein Qualitätssiegel für 2026.

Drittens: Die eigentliche Frage, die ich Ihnen mitgeben möchte – haben Sie, bevor Sie dieses Stück auf den Spielplan gesetzt haben, geprüft, ob es Ihrem eigenen Bildungsauftrag gerecht wird?

Ich bin offen für ein Gespräch.

Jakob

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