Letztes Jahr habe ich an dieser Stelle geschrieben, dass der ESC für mich ein Ort der heilen Welt ist. Eine Bühne, auf der Flaggen zu Stoffbahnen werden und Stimmen zu Brücken. Ich stehe dazu.
Aber 2026 hat mir noch etwas anderes klargemacht.
Sarah Engels landet in Wien auf Platz 23. Kein Schock, keine Überraschung — eher eine stille Bestätigung von dem, was viele schon lange ahnen. Und dann kommt Tina Sikorski, die deutsche Delegationsleiterin, auf LinkedIn (nachzulesen bei ESC-Kompakt) und erklärt, man wolle künftig „größere stilistische Vielfalt jenseits des Mainstream-Pops fördern.“ Man wolle „Songs, die irgendwie anders sind.“
Irgendwie anders.
Ich habe diesen Satz ein paarmal gelesen. Und dann noch einmal. Das ist das Beste, was der SWR nach einem weiteren Debakel an Selbstreflexion zu bieten hat. Kein konkreter Plan, keine ehrliche Analyse — nur eine vage Formulierung, die so offen ist, dass man sie im Februar wieder vergessen kann, ohne sich wirklich widersprechen zu müssen. Und dazu die Ansage, man werde weiter „eng mit der Musikindustrie zusammenarbeiten.“ Welcher Musikindustrie eigentlich? Der GEMA-nahen? Der, die den deutschen Radiomarkt kennt, aber das internationale Publikum nicht?
Das ist das eigentliche Problem.
Der Vorentscheid wird nicht für den ESC gebaut. Er wird für das Erste gebaut, für Einschaltquoten, für Radiofähigkeit, für ein Publikum, das den ESC einmal im Jahr als Unterhaltung am Samstagabend konsumiert — nicht als das, was er ist: ein internationaler Musikwettbewerb mit einem Publikum, das Bangaranga feiert, weil es echt, mutig und unverwechselbar ist. Nicht weil es gut klingt im Formatradio.
Ich schreibe Songs. Unveröffentlicht, noch nicht auf einer Bühne. Aber ich weiß, was ich will — und ich weiß, was ich nicht will. Ich will nicht durch einen Vorentscheid, der von Strukturen gebaut wurde, die das internationale Publikum nicht verstehen und auch nicht verstehen wollen. Ich will nicht „irgendwie anders“ sein auf Zuruf. Ich will nicht weichgespült werden.
Deswegen habe ich eine Entscheidung getroffen: Wenn ich irgendwann auf einer ESC-Bühne stehe, dann nicht unter deutscher Flagge. Österreich, Schweiz, ein anderes Land — eines, das bereit ist, wirklich zuzuhören, was ein Lied kann, wenn man es lässt.
Und falls das irgendwann klappt, dann werde ich aus der Ferne nach Deutschland schauen und sagen: Schönen Gruß. Ihr macht grundlegend etwas falsch. Seid mutiger. Hört nicht auf die, die euren Markt kennen — hört auf die, die das internationale Publikum kennen. Der ESC ist kein nationaler Wettbewerb mit internationalem Publikum. Er ist ein internationaler Wettbewerb, den ihr national denkt.
Das ist der Unterschied. Und der kostet euch Jahr für Jahr.

